Was guckst DU? Was Blicke in Teams auslösen und was sie wirklich bedeuten
- Jan Oberdieck

- vor 24 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

In meiner Arbeit mit Teams erlebe ich gerade immer wieder, dass Blicke zur Projektionsfläche für Unsicherheiten werden. Oft sind es nur Millisekunden, ein kurzes Augenverdrehen oder ein starrer, vermeintlich leerer Blick, die darüber entscheiden, ob wir uns sicher fühlen oder schlagartig in die Defensive gehen.
Aussagen wie „Ich fühle mich nicht gewertschätzt, wenn er mich so genervt ansieht“ stehen dann im Raum. Doch wenn wir genauer hinschauen, zeigt sich: Der Blick des anderen ist selten das eigentliche Problem – er ist vielmehr die Leinwand, auf die wir unsere eigenen Unsicherheiten projizieren.
Der Blick als Spiegel unserer selbst
Wenn wir einen Blick als abwertend interpretieren, sagt das oft mehr über unseren eigenen inneren Zustand aus als über das Gegenüber. Sind wir gerade selbst unsicher mit unserer Leistung? Zweifeln wir an unserem Vorschlag?
Unser Gehirn neigt zum sogenannten Negativitäts-Bias: Ein neutraler Blick wird in Momenten fehlender Sicherheit fast immer eher negativ als positiv gewertet. Wir „füllen“ die Neutralität des anderen mit unseren eigenen Befürchtungen. Der Blick wird zum Spiegel unserer eigenen kritischen Gedanken. Insbesondere in Teams oder Arbeitsumfeldern, in den Verunsicherung herrscht, kann dieser Effekt besonders zu Tage treten.
Es hat (vielleicht) nichts mit dir zu tun
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Ein genervter Blick muss keine Botschaft an uns sein. Er ist oft schlicht ein Spiegel des Zustands der anderen Person.
Vielleicht kämpft das Gegenüber gerade mit den Folgen einer schlaflosen Nacht?
Vielleicht ist es der „Konzentrationsblick“ (das oft missverstandene Resting Bitch Face), bei dem sich die Gesichtszüge anspannen, weil das Gehirn auf Hochtouren arbeitet?
Es kann dir also helfen, zu überlegen, ob der Blick wirklich auf dich bezogen ist, oder ob dein Gegenüber vielleicht gerade eher mit sich selbst beschäftigt ist und der Blick gar nicht dir galt.
Die Klärung: Mit drei Schritten aus der Interpretationsfalle
Um aus diesem Teufelskreis aus Vermutung und Verletzung auszusteigen, hilft uns ein an die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) angelehntes Vorgehen– nicht nur im Dialog, sondern auch zur eigenen inneren Überprüfung:
Beobachtung (Neutral): Was sehe ich wirklich? Ich sehe, dass die Mundwinkel nach unten gehen oder die Stirn gerunzelt ist. (Noch keine Bewertung!)
Gefühl: Was löst das in mir aus? Fühle ich mich verunsichert, irritiert oder vielleicht übergangen?
Bedürfnis: Welches Bedürfnis steht dahinter? Geht es mir um Sicherheit, gesehen werden oder Klarheit?
Indem wir diesen Prozess durchlaufen, klären wir erst einmal uns selbst. Im zweiten Schritt können wir den Blick beim Gegenüber wertschätzend abklären: „Ich habe wahrgenommen, dass du gerade die Augen kurz geschlossen hast. Ich merke, dass mich das verunsichert, weil ich mir Klarheit wünsche, wie du zu dem Punkt stehst. Wie nimmst du das gerade wahr?“
Fazit: Raum für Wahrnehmung schaffen
Blicke sind Einladungen zum Dialog, keine feststehenden Urteile. In der integrierten Mediation lernen wir, dass hinter jedem Verhalten ein Bedürfnis steckt. Wenn wir beginnen, Blicke nicht mehr als Angriff, sondern als Ausdruck eines inneren Zustands (unseres eigenen oder des anderen) zu sehen, nehmen wir der Situation die Schärfe.
Wir schaffen so Raum für echte Begegnung – jenseits der Mimik.


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