Die dümmste Idee im Raum
- Jan Oberdieck

- 30. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Warum die Suche nach der besten Lösung geniale Ideen verhindert – und was Teams wirklich kreativ macht

Vor einiger Zeit habe ich einen Vortrag von Manuel Scheidegger gehört, der mich seitdem nicht mehr loslässt. Seine These war so simpel wie provokativ: Wer immer nach der besten Lösung sucht, verhindert oft die genialste. Weil ein stiller Wettbewerb entsteht. Weil niemand mehr wagt, die Idee auszusprechen, die zunächst dumm klingt. Weil der Rahmen bestimmt, was überhaupt denkbar ist.
Der stille Wettbewerb um die beste Idee
In Meetings, in denen es um Lösungen geht, entsteht fast automatisch ein unsichtbarer Wettbewerb: Wer denkt am weitesten? Wer überzeugt den Raum? Wer hat die beste Idee? Wer hat überhaupt Expertise, um sich zu dem Thema zu äußern?
Dieser Wettbewerb klingt produktiv. In Wirklichkeit wirkt er als Filter. Ideen, die noch unfertig sind, die unkonventionell klingen oder die vom Thema wegzuführen scheinen, werden schon vor dem Aussprechen aussortiert – nicht durch Kritik von außen, sondern durch Selbstzensur.
Das Ergebnis: Teams, die fachlich stark sind, aber bei der Lösungssuche erstaunlich schnell in dieselben Bahnen verfallen. Alle denken in der gleichen Sprache, aus der gleichen Perspektive, mit dem gleichen Erfahrungshorizont. Wer von Anfang an nach der besten Lösung sucht, schließt Türen, bevor er weiß, was dahinter liegt.
Was kreative Lösungen wirklich brauchen: semantische Sprünge
Der Kreativitätsforscher Sarnoff Mednick hat nachgewiesen, dass kreative Problemlösung im Wesentlichen die Fähigkeit ist, weit voneinander entfernte Konzepte miteinander zu verbinden. Je größer die gedankliche Distanz zwischen dem Problem und dem gewählten Vergleich, desto innovativer die Lösung.
Für Teams bedeutet das: Kreativität entsteht nicht durch intensiveres Nachdenken im selben Rahmen. Sie entsteht durch den Wechsel des Rahmens – durch den Sprung in eine andere Welt, eine andere Branche, ein anderes Bild. Wer im Problem denkt, findet Lösungen im Problem. Wer den Rahmen wechselt, findet Lösungen außerhalb davon. Dies kann alleine dadurch schon geschehen, dass wir auch Leute zu Wort kommen lassen, die für das Problem möglicherweise keine Fachexpertise haben.
Mehr Dummheit wagen
Wozu Scheidegger in seinem Vortrag einlud, ist im Grunde eine Haltung: offen zu sein für das Unfertige, das Absurde, das scheinbar Falsche. Nicht weil schlechte Ideen gut sind – sondern weil sie den Raum öffnen, in dem gute Ideen entstehen können und den Diskurs öffnen.
Als Führungskraft oder Moderator ist die entscheidende Frage deshalb nicht: „Wer hat die beste Idee?" Sondern: „Welchen Rahmen schaffe ich, damit Ideen überhaupt erst entstehen können – auch die, die zunächst niemand ernst nehmen würde?"
Fazit
Die beste Lösung entsteht selten dort, wo alle von Anfang an nach der besten Lösung suchen. Sie entsteht dort, wo Raum ist für das Unfertige, das Unkonventionelle, das scheinbar Dumme.
Manchmal ist die dümmste Idee im Raum die entscheidende. Man muss sie nur aussprechen lassen.




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